Kirschpflaumen

Die Kirschpflaume, eine uralte und vergessene, wilde Obstart, ist vor allem namentlich nicht allzu bekannt, da sie einerseits häufig mit der Mirabelle verwechselt und andererseits fälschlicherweise als «rote Mirabelle» bezeichnet wird. Doch weder ist die Kirschpflaume eine Mirabellensorte, noch gibt es «rote» Mirabellen. Denn Mirabellen sind immer gelb bzw. leicht orange und kommen höchstens mit rötlichen Sprenkeln daher (tatsächlich geht die Mirabelle sogar aus der Kirschpflaume hervor). Die Fruchtfarbe der Kirschpflaume hingegen kann nicht nur rot bzw. braunrot sein, sondern ebenfalls gelb – daher die Verwechslung mit Mirabellen – oder purpurn bis gar schwarz. 
 

Eine Kostprobe verrät sogleich, dass die saftige Steinfrucht auch völlig anders schmeckt als die Mirabelle: hinreissend säuerlich-süss, wahrlich wie Pflaumen und Kirschen zugleich. Dieses Aroma entfaltet sich allerdings nur bei bestimmten Sorten, wenn der Kirschpflaumenbaum ferner an einem idealen Standort das optimale Klima vorfindet und die Früchte voll ausgereift sind. An ungeeigneten Orten stehend, weist sie häufig einen eher faden Geschmack auf und kann sehr wässrig sein, weshalb die Deutschen ihr auch den Namen «Wasserlatsche» gegeben haben. Wem die Kirschpflaume kein Begriff ist, könnte sie allenfalls auch unter den Namen «Myrobalane», «Wilde Mirabelle» oder «Wildpflaume» kennen. 

 

Ohne die Kirschpflaume gäbe es die allermeisten Pflaumen nicht. Sie ist die Urmutter fast aller Pflaumenarten und somit die älteste Pflaumen-Unterart. Fast alle Kulturpflaumen, die wir heute kennen, sind erst aus der Kreuzung von Kirschpflaume und Schlehe entstanden. Bereits die Kelten kannten die Kirschpflaume, doch erst die Araber brachten sie nach Europa und die Römer schliesslich nach Süddeutschland, wo sie lange Zeit als Obst angebaut wurde. Durch gezielte Auslese und Weiterzucht sind aus der wilden Stammform im Laufe von Jahrtausenden verschiedenste Pflaumensorten hervorgegangen. 

In Mitteleuropa fand die Kirschpflaume erst im 16. Jahrhundert Verwendung als Kulturobst und wird nach wie vor als Unterlage zur Veredelung (künstliche vegetative Vermehrung) verschiedener Pflaumenarten genutzt sowie zur Böschungsbepflanzung. Jedoch ist das Gewächs nur ganz wenigen bekannt. Deshalb fragt sich manch ein Gärtner heute, der plötzlich einen Kirschpflaumenbaum in seinem Garten vorfindet, woher sie auf einmal herkommt. Schliesslich haben die allermeisten diese Wildobstsorte, aus der die heutige Kulturpflaume gezüchtet wurde, nie gepflanzt. Und vielleicht stand an ihrer Stelle erst noch ein Baum einer anderen Prunus-Art. Der Grund für das plötzliche, scheinbar magische Aufkommen ist, dass sich die wilde Kirschpflaume aus der übrig gebliebenen Unterlage eines gefällten Pflaumenbaums irgendwann als Stärkere durchsetzt, wieder austreibt (sie bildet Ausläufer) und als Jungbaum erst viele Jahre später Früchte trägt, wonach sie meist erst identifiziert werden kann. Wo also vielleicht einmal ein Pflaumenbaum gestanden hat, ist die Chance gross, dass wieder ein Kirschpflaumenbaum wächst. 

Lange Zeit geriet die Kirschpflaume in Vergessenheit, gewinnt jedoch langsam wieder Liebhaber und damit an Terrain zurück, seit Wildobst wieder im Trend liegt. Heute findet man sie häufig verwildert an Strassen-, Weg- und Waldrändern, auf Obstanbaugebieten oder ehemaligen Obstplantagen als auch Streuobstwiesen oder in der Nähe von Bächen.

 

Im Frühjahr, noch vor der Schlehe und Mirabelle, zeigen sich bereits die intensiv duftenden weissen, im Inneren rosa Blüten. Für zahlreiche Insekten, die im Vorfrühling bereits aktiv sind, jedoch nur wenige Nahrungsquellen vorfinden, sind Kirschpflaumenblüten sehr wichtig, um nach harten Wintern den Frühling zu überleben, ehe andere Blüten ihnen genügend Nahrung bieten. Vor allem für Wildbienen und Hummeln ist die frühe Blüte des Kirschbaums wichtig. Der Kirschpflaumenbaum bietet Vögeln und auch Hornissen des Weiteren hervorragende Nistplätze. Auch das Fallobst im Sommer und Herbst bereichert das Nahrungsangebot vieler Insekten, Klein- und Waldtiere.

Gattung: Prunus

Synonyme: Myrobalane I Wilde Mirabelle I Wildpflaume
Lateinischer Name: Prunus cerasifera (ehem. Prunus myrobalana)

Pflanzenfamilie: Rosengewächse (Rosaceae)

Unterfamilie: Steinobstgewächse (Amygdaleae)
Anzahl bekannter Arten: unbekannt I unzählig viele

Habitus: niedriger, breiter Baum oder Strauch von 5 bis 8 Metern Wuchshöhe I häufig mehrstämmige Krone I leicht verkahlende, oft überhängende Langtriebe I eiförmig geformte Blätter mit gesägtem Rand I wechselständige Blattanordnung I fein gekerbte, kahle und dunkelgrüne Blattoberseite sowie matte, hellere Blattunterseite I rötlich-grüner Blattstiel I kurz vor dem Blatt einzeln stehende weisse Blüte, im Inneren rosa, sehr stark duftend I bildet kugelige Steinfrüchte in verschiedenen Farben

Hauptblütezeit: früh im März bis April

Erntezeit: je nach Sorte unterschiedlich, meist ab Juni
Alter: bis zu 67 Jahre

Standort: vollsonnige, warme und geschützte Lage I bevorzugt kalkhaltige, nährstoffreiche, lehmige Böden I mag ein gemässigtes Klima, wie es in Tälern und an Hanglagen vorkommt I kommt mit Trockenheit gut zurecht, in zu trockenen Sommern muss sie allerdings regelmässig gewässert werden I Staunässe vermeiden

Besonderheit: Flach-Herzwurzler I bildet Ausläufer I überwiegend Fremdbefruchter I spätfrostgefährdet